Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint: Konsum wird zur Selbstverständlichkeit, beruflicher Erfolg misst sich häufig an Karriereleiter und Einkommen, und technologische Entwicklungen – von KI über Smart Homes bis hin zu automatisierten Systemen – durchdringen zunehmend jeden Bereich unseres Alltags. Gleichzeitig erleben wir globale Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und eine immer stärkere Ausbeutung natürlicher Ressourcen, als gäbe es keinen Planeten „danach“.
In diesem Spannungsfeld wächst in mir der Wunsch, einen anderen Weg zu finden. Trotz eines Vollzeitjobs im Homeoffice, der mich fest in die digitale und leistungsorientierte Welt einbindet, suche ich nach Möglichkeiten, mich bewusst davon zu lösen – zumindest ein Stück weit. Nicht im Sinne eines radikalen Ausstiegs, sondern als eine Rückkehr zu mehr Einfachheit, Klarheit und innerer Ruhe.
„Naturnah leben“ bedeutet für mich deshalb nicht nur, öfter mit meinem Hund draußen in der Natur zu sein oder bewusster einzukaufen. Es ist vielmehr der Versuch, wieder in Einklang mit natürlichen Rhythmen zu kommen, den eigenen Alltag zu entschleunigen und einen gesünderen, geerdeten Lebensstil zu entwickeln. Ein Leben, das nicht ausschließlich von Produktivität und Optimierung geprägt ist, sondern auch von Achtsamkeit, Verbindung und dem Gefühl, wirklich da zu sein.
Im Jahr 2019 habe ich die Möglichkeit ergriffen und bin an den Stadtrand von Berlin gezogen, in das ehemalige Haus meiner Eltern, wo ich einst aufgewachsen bin. Zum Haus gehört ein kleiner Garten, den wir jedes Jahr immer wieder gern begrünen und mit Blumen bestücken. Ich verbringe gern Zeit in unserem Gartenpavillon oder auf der Hollywoodschaukel, und lasse es mir nicht nehmen, jeden Tag einen kleinen Spaziergang durch mein nicht perfektes, aber für mich wunderschönes Paradies zu machen. Dabei schaue ich mir an, wie alles wächst und gedeiht und erfreue mich an jeder Biene, jedem Schmetterling oder Vogel, der uns hier besucht. In diesem Jahr habe ich aber auch damit begonnen, Gemüse und Kräuter in einem Hochbeet anzupflanzen, und auch die alten bereits gekeimten Kartoffeln aus dem Keller habe ich nicht einfach weggeworfen, sondern sie in einer sonnigen Ecke zur Straße hin gepflanzt. Und siehe da, sie gedeihen prächtig!
Mit meiner Hündin Sascha unternehme ich morgens und abends, vor allem aber auch am Wochenende lange Streifzüge durch die uns umgebende Natur. Wir wohnen zwar an einer stark befahrenen Straße, aber Feld, Wald und See sind nicht weit. Jedes Mal erfreue ich mich wieder aufs Neue an den Kornblumen, dem Klatschmohn und den Hyazinthen auf dem Feld, und all den anderen Blütenpflanzen. Bei meinen Spaziergängen begegnen mir oft Rehe, Füchse oder Hasen, und auch so manchen Storch, Reiher oder Rebhühner darf ich bewundern. Die Zeit an der frischen Luft und mein Körper in Bewegung verhilft mir zur Entspannung vom stressigen Alltag – unterstützt mich dabei, mich wieder mit der Natur zu verbinden. In dem kleinen Wäldchen am See, wo ich mit meinem Hund oft spazieren gehe wünsche ich mir manchmal eine kleine Blockhütte oder Ähnliches. Aber in Deutschland im Wald oder in der Natur zu leben oder einfach nur ein Zelt aufzuschlagen ist gar nicht so einfach. Aller Grund und Boden gehört irgendwem und es ist nicht gestattet wild zu campen. Zum Glück habe ich daher meinen Garten, und kann mir später im Alter vielleicht doch noch den Traum vom eigenen Naturparadies erfüllen, wer weiß?
Naturnah leben heißt für mich aber auch, ein gesundes Leben zu führen, auf meine Ernährung zu achten und viel Bewegung als Ausgleich zu meiner Arbeit am Computer in meinen Alltag einzubauen. Ich meide daher hoch verarbeitete Lebensmittel wie Wurstwaren, Tiefkühlpizza, Dosengerichte und süße Snacks oder Softdrinks. Stattdessen versuche ich, jeden Tag viel frisches Obst und Gemüse zu essen, und auch solche Dinge wie Kefir, Naturjoghurt, Salzgurken, Sauerkraut oder Fisch gehören bei mir unbedingt auf den Speiseplan. Ab und zu esse ich natürlich auch mal ein Stück dunkle Schokolade, lasse mir ein Stück des selbst gebackenen Kuchens meiner Freundin schmecken und trinke ein Glas Cola. Aber alles in Maßen. Wenn ich nicht draußen unterwegs sein kann, weil es zu stark regnet, zu kalt ist oder bereits dunkel, dann fahre ich auch gern eine Runde auf dem Hometrainer zu motivierender Musik. Und auch der Umstand, dass unser alter Zweitwagen im Dezember den Geist aufgegeben hat, führt dazu, dass ich allgemein mehr Besorgungen und Termine mit dem Fahrrad erledige. Mit der Ernährungsumstellung und dem Plus an Bewegung im Alltag habe ich es geschafft, binnen 4 Monaten 5 Kilogramm abzunehmen – ohne mich dafür groß angestrengt zu haben. Und ich fühle mich mit Normalgewicht einfach viel wohler in meiner Haut.
Auf lange Sicht möchte ich auf jeden Fall platzsparender wohnen und weniger „Zeug“ besitzen. Wir leben aktuell in einer Doppelhaushälfte auf zwei Etagen. Aber wenn die Tochter meiner Freundin ausgezogen ist und wir älter werden, lohnt es sich bestimmt, nach alternativem Wohnraum Ausschau zu halten. Ich persönlich kann mir gut vorstellen, später einmal in einem Tiny House zu leben, ein Mobile Home auf dem Grundstück meiner Eltern aufzustellen oder vielleicht sogar eine Jurte bzw. ein Tipi – auch wenn diese vielleicht nur als ein Rückzugsort für mich dienen, um mich noch mehr mit der Natur verbunden zu fühlen. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, im Alter auf einem Gemeinschaftshof zu leben, den eine Community naturverbundener Menschen bewirtschaftet. Als Selbstversorger im Einklang mit der Natur und inmitten von Tieren. Vielleicht findet sich da ja ebenfalls irgendwann eine Möglichkeit.
Auch das Thema Nachhaltigkeit, Müllvermeidung und Abfallverwertung ist mir wichtig. Im Supermarkt versuche ich, Gemüse und Obst ohne Plastiktüten einzukaufen; ich trinke viel Leitungswasser, das ich mit einem Sprudel-Apparat aufbereite. Ich versuche, viel selbst zu kochen und bin immer auf der Suche nach neuen Rezepten. So zum Beispiel habe ich mir vor einiger Zeit ein indianisches Kochbuch besorgt. Oder aber ich bereite Gerichte mit all dem zu, was wir gerade vorrätig haben. Meine Partnerin sagt auf jeden Fall, ich habe großes Talent in der Zubereitung von Salaten – und ja, es macht mir tatsächlich großen Spaß, aus allerlei Gemüse etwas Tolles zu kreieren. Küchenabfälle von Obst und Gemüse habe ich im letzten Jahr immer gesammelt und einen Kompost im Garten angelegt. Aber leider schmeckte dieser auch den Ratten, die vom Hühner züchtenden Nachbarn zu uns herüberkamen. Habe den Kompost und auch unser Vogelhäuschen daher erst einmal wieder abgeschafft. Ich bin zur Zeit noch etwas ratlos, wie sich Küchenabfälle für die Weiterverwendung in meinem Garten aufbereiten lassen, ohne dass der Schädlingsbefall überhand nimmt. Und das Gleiche gilt für die Vogelfütterung. Aber auf jeden Fall habe ich mir auch eine Feuertonne besorgt, wo ich Küchentücher, Papiertaschentücher und allerlei verunreinigtes Papier verbrenne, das sich eh nicht mehr recyceln lässt. Die Asche habe ich unter meinem Apfelbaum verteilt und in den Beeten – alles gedeiht wirklich prächtig!
6 Kommentare zu „Was bedeutet „naturnah leben“ für mich?“